Interview about Poulenc’s Concerto
On the occasion of their performance of Poulenc’s Concerto for Two Pianos and Orchestra in Gießen, Clara and Marie spoke with Julia van der Horst about the work and their connection to it:
Wie würdet ihr den Stil Poulencs beschreiben?
Clara Becker: Poulenc gehörte wie Milhaud zur Künstler*innengruppe „Les six", die Musik ohne Ornamente und übermäßige Emotionalität propagierte.
Er hatte auch die Idee einer zuallererst unterhaltsamen Musik und ist damit sehr geistreich umgegangen, hatte Vorbilder im Jazz, Varieté und Zirkus. Darin hat er seinen ganz eigenen Stil gefunden, der sich immer wieder verändert hat.
Marie Becker: Er hat sich die Freiheit genommen, die unterschiedlichsten Klangwelten ins Gespräch zu bringen. Dabei versucht er nicht, Gegensätze aufzulösen oder miteinander zu vereinen; er lässt sie nebeneinander bestehen und schafft damit etwas Eigenständiges. Seine Einfälle sind immer extrem originell.
Poulencs Konzert für zwei Klaviere in drei Worten?
MB: „Prisma", weil sich so viele Farben in diesem Konzert spiegeln, „energiegeladen" und...
CB:..."neugierig!"
Was hören wir in diesem Werk?
MB: Ein Kaleidoskop verschiedener Stimmungen und Farben, die man wie Momentaufnahmen in den Sätzen durchlebt. Man hört schon am Anfang Anklänge von Phrasen und musikalischen Gedanken, die später ausformuliert werden. Tatsächlich lagen auf Poulencs Notenpult zu dieser Zeit u. a. auch Noten von Mozart und Ravel. Und das ist hörbar: Im zweiten Satz wird es neoklassizistisch. Poulenc dialogisiert mit der Vergangenheit, besonders mit Mozart, dessen Klavierkonzert in d-Moll er zitiert. Im dritten Satz erinnert das Perkussive dann an Ravels Klavierkonzerte, aber Poulenc verarbeitet hier auch die balinesischen Klänge, die er bei einer Weltausstellung in Paris kennenlernte.
Wie lest ihr diese musikalischen Zitate?
CB: Als augenzwinkernde Wertschätzung. Poulenc zählte Mozart zu seinen größten Einflüssen und hat sich sehr auf dieses Klangbild bezogen. Trotzdem ist die Klangwelt, die diesen Zitaten unterliegt, immer eine ganz eigene. Deshalb merkt man am Ende immer, dass es Poulenc ist und bleibt.
MB: Es ist Poulencs Musik, in der Mozart oder Ravel durchschimmert, aber nicht andersrum. Kunst entsteht ohnehin nie in einem luftleeren Raum. Komponist*innen verarbeiten ihre Umgebung - bewusst oder unbewusst. Und Poulenc hat zu einer Zeit in Paris gelebt, in der viele verschiedene Einflüsse nach Europa getragen wurden.
Poulenc gilt allgemein als unterhaltsamer Komponist. Wie seht ihr das?
CB: Er war schon sehr humorvoll und hat sich selbst nicht zu ernst genommen.
Es gibt in diesem Stück Elemente, die mit viel Humor geschrieben wurden, wie die Interaktionen zwischen Solist*innen und Orchester. Ich glaube aber, dass man die Trennung zwischen ernster und unterhaltender Musik nicht so orthodox sehen sollte. Auch eine unterhaltsame Musik hat einen ernsthaften und künstlerisch anspruchsvollen Hintergrund.
MB: Der Humor liegt auch in der Spontaneität dieses Werks. Es gibt Momente, in denen man völlig unerwartet von einem Stil zum anderen springt und in eine neue Stimmung geworfen wird. Frech, melancholisch, überschäumend- das passiert kompositorisch mühelos, ist aber herausfordernd zu spielen.
Habt ihr Lieblingsstellen?
MB: Alles. Ich mag die virtuosen Passagen im letzten Satz, alle Repetitionen und die maschinenartigen Passagen besonders - die machen einfach Spaß!
CB: Ich finde das Ende vom ersten Satz interessant. Meistens sind in diesem Konzert schnelle Wechsel gefragt. Aber hier gibt es einen Moment, in dem man in der gleichen, ruhigen Stimmung verweilt. Sich darauf einlassen kann.
Dieser musikalische Gedanke wird im letzten Satz wieder aufgegriffen - aut sehr mechanische, schnelle, unerbittliche Weise. Dieser krasse Wechsel, von Ruhe zu absoluter Aufruhr, fasst dieses Konzert gut zusammen.
Poulenc war selbst Pianist, wirkte bei der Uraufführung 1932 sogar mit. Wie komponiert er für dieses Instrument?
CB: In Doppelkonzerten ist es oft so, dass es zwei solistische Stimmen gibt, die abwechselnd denselben musikalischen Gedanken, oder Varianten davon, spielen, manchmal auch konkurrierend. Bei Poulenc aber gibt es eigentlich nur einen Klavierpart. Dieser ergibt sich aus den beiden Klavierstimmen; es braucht beide, um das Konzert zu hören. Da muss man wirklich zusammenarbeiten.
MB: Oft werden sogar Gedanken des einen Klaviers auf dem anderen fortgeführt oder vervollständigt. Wie zwei Perspektiven, die den gleichen Sachverhalt spiegeln. Das hat er schon toll gemacht: Die Klaviere dialogisieren miteinander und mit einzelnen Orchestergruppen oder Instrumenten. Eine Zweiteilung zwischen Orchester und Solist'innen entsteht hier erst gar nicht.
Orchester und Klavier sind also gleichwertige Partner?
MB: Poulenc hat die Orchestrierung so vorgenommen, dass es dialogisch funktioniert. Es ist ein sehr groß besetztes Orchester, aber der Fokus liegt kompositorisch immer auf kleinen Besetzungen innerhalb des großen Gan-zen. Das Klavier wird nie überladen von dem, was im Orchester geschieht, steht aber auch nicht darüber. Musikalisch passiert zwar unglaublich viel, aber man hat nie das Gefühl, dass das Ohr überfordert ist oder man sortieren muss - weil der Komponist es für uns sortiert hat.
CB: Poulenc war ein Mensch, der Gemeinschaftlichkeit genossen hat und viel in Künstlerkreisen verkehrte. Das zeigt sich hier: Es gibt viel Gleichzeitigkeit, aber innerhalb dieser dann kleine Dialoge - ein Beieinander-Anklopfen, Sich-Anspielen, gegenseitiges Aufnehmen.
Wie bereitet ihr euch auf ein solches Konzert vor?
CB: Beim Duo liegt die Herausforderung immer darin, dass man geprobt, aber trotzdem spontan sein muss. Es bleibt immer lebendig, weil man aufeinander reagieren muss, zusammen atmen muss, aber nie ganz gleich sein darf. Denn gerade beim Klavier läuft man Gefahr, zu sehr zusammenzuspielen - das ist dann wieder uninteressant. In diesem Fall sind wir erst einmal mit Instinkt und Bauchgefühl an das Konzert gegangen.
MB: Wir erarbeiten viel getrennt. Jede erarbeitet ihren Part für sich und überlegt: Welche Stimmung hat diese Stelle? Welche Energie hat dieser Satz?
Dabei versuchen wir, Einflusse von außen, wie Aufnahmen, zu vermeiden, um intuitiv heranzugehen. Je näher das Konzert rückt, desto mehr Fokus liegt darauf, herauszufinden, wie wir zusammenkommen. Denn bei Poulenc funktioniert es nur gemeinsam.
